Abi für alle?

Lehrer-Präsident sagt: „Das Abitur wird immer weniger wert“

Abiturprüfung im größten Raum der Schule

Das Abitur in Deutschland ist ein Noten-Glücksspiel, weil die Anforderungen im Vergleich der Bundesländer so unterschiedlich hoch sind. Josef Kraus, der streitbare Präsident der deutschen Lehrerschaft, wünscht sich eine Angleichung – nach oben.

Das unterschiedlich hohe Leistungsniveau deutscher Abiturienten ist seit Jahren ein Streitpunkt zwischen den Bundesländern. Das berüchtigte Nord-Südgefälle – zwischen „leichtem“ (also minderwertigem) Abitur im Norden der Republik und „schwerem“ (somit hochwertigem) im Süden – versuchte die Kultusministerkonferenz zuletzt mit einem gemeinsamen Aufgabenpool fürs Abitur abzuschwächen.

Von diesem bejubelten „Meilenstein in Richtung Vergleichbarkeit“ hält Josef Kraus wenig. Der Pädagoge war bis 2015 Oberstudiendirektor eines Gymnasiums in Bayern. Seit 30 Jahren steht er dem Deutschen Lehrerverband (DL) als Präsident vor. In seinem neuen Buch „Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“ beschreibt er, was in Deutschlands Schulen schief läuft. Im Gespräch mit FOCUS Online erklärt er, warum das Abitur in Deutschland eine Lotterie ist und was sich daran ändern muss.

FOCUS Online: In Deutschland gibt es mehr Abiturienten denn je. Warum ist dieses „Bildungs-Plus“ für Sie keine gute Nachricht?

Josef Kraus: Das Abitur ist der Schulabschluss, der die allgemeine Hochschulreife garantiert. Es soll also den Zugang zu jedem Studienfach ermöglichen. Doch das gegenwärtige Abitur produziert eher Studienberechtigte als Studienbefähigte. Professoren beklagen fehlende mathematische und sprachliche Fertigkeiten, die an den Hochschulen dann in Brückenkursen vermittelt werden müssen.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Die Anforderungen ans Abitur variieren von Bundesland zu Bundesland, tendieren aber seit Jahrzehnten nach unten. Dadurch wird das Abitur immer weniger wert, denn wir haben eine Inflation an guten Abiturnoten, die vor allem in einigen Bundesländern zu leicht erreichbar sind. Im Ländervergleich ergibt sich eine große Ungerechtigkeit.

Die Kultusministerkonferenz steuert dem durch „Poolaufgaben“ fürs Abitur entgegen. Dann haben es doch alle Abiturienten gleich schwer.

Die Minister sonnen sich gern in dieser Aussage. In Wirklichkeit ist das Pool-Angebot die reine Schaufensterpolitik. Denn es hat nur minimalen Einfluss auf die Abiturnote. Es betrifft nicht alle Fächer und schon gar nicht alle gestellten Aufgaben. Und nicht alle Länder bedienen sich daraus. Überhaupt: Die Prüfungsnoten machen nur ein Drittel der Abiturnote aus. Zwei Drittel ergeben sich aus den Leistungen der vorangegangenen zwei Jahre. Und da sind die Anforderungen einfach ungleich hoch.

Jedes der 16 Bundesländer macht seine eigene Bildungspolitik. Wäre ein Abschied vom Föderalismus die Lösung gegen ungerechte Abiturnoten?

Auf keinen Fall befürworte ich eine zentralistische Bildungspolitik! Das würde nur eine weitere Nivellierung nach unten bedeuten und es gäbe vielleicht mit jedem Regierungswechsel eine Neuausrichtung. Nein, ich plädiere für einen kompetitiven Föderalismus. Und dabei sollten sich die schwächeren Bundesländer an den anspruchsvolleren orientieren.

Und wer soll das durchsetzen?

Ich sehe da die Kultusministerkonferenz in der Pflicht: Sie sollte ein anspruchsvolleres Abitur propagieren. Zur Not könnten auch einzelne Bundesländer sagen: Wir erkennen euer Abitur nicht als Zugang für unsere Hochschulen an, wenn ihr keine höheren Forderungen an eure Schüler stellt.

Wenn ein gleichwertiges Abitur so schwer zu gewährleisten ist, wären doch Aufnahmetests an den Hochschulen eine Lösung.

Das sehe ich nicht als Alternative. Aufnahmetests sind immer fachbezogen. Sie geben einen viel schmaleren Eindruck von der Leistung als ein ordentliches Abitur. Es basiert auf dem Eindruck von zwei Jahren und ist ein Zeugnis für die allgemeine Hochschulreife. Das hat eine höhere Aussagekraft.

Und wie kommen wir dann zu einem gleichwertigen Abitur für alle Gymnasiasten in Deutschland?

Das geht sicher nicht von heute auf morgen. Die Pool-Aufgaben sind zumindest ein erster kleiner Schritt. Darüber hinaus wäre überall das 5-Fächer-Abitur einzuführen. Die Regeln für die mündlichen Prüfungen müssten einheitlich streng sein. Ins Abitur sollten überall gleich viele Leistungen der vorhergegangenen zwei Jahre einfließen. Diese müssten standardisiert sein. So könnten wir in ganz Deutschland ein G9 aus einem Guss erreichen – anspruchsvoll und gerecht.

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